Belttunnel-Bau: Warnung vor Gefahr durch Weltkriegsbomben und -munition

Beim drohenden Bau des längsten Absenktunnels der Welt durch den Fehmarnbelt könnten ungewollt gefährliche Detonationen bislang unentdeckter Weltkriegsbomben ausgelöst werden. Diese Gefahr für Menschen und Meerestiere gehe von etwa 300.000 Tonnen Weltkriegsmunition aus, die noch zu großen Teilen versteckt im Ostseeboden liegen, wie unter anderem auch Sat1 berichtet. Davor warnen wir BELTRETTER!

Wir kritisieren, dass Tunnelplaner und Politik diese Gefahr nicht ernst genug nehmen. Die Gefahr ist zwar Bestandteil der beim Bundesverwaltungsgericht verhandelten Klagen gegen den drohenden Ostseetunnel, wird aber unserer Meinung nach von den Tunnelplanern und der Politik bagatellisiert.

Sowohl Bernd Buchholz (FDP), Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, als auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Bündnis90/Die Grünen) bestätigten auf Nachfragen, dass während der Bauarbeiten nicht auszuschließen sei, auf Weltkriegsmunition und -bomben zu stoßen. Denn bis heute wurden große Gebiete des Fehmarnbelts, in denen alte Kriegsmunition liegen könnte, nicht kartiert. Wir fordern daher umfassende und lückenlose Untersuchungen des Meeresbodens!

Mit dem Bau des längsten Absenktunnels der Welt würde der Ostseeboden auf einer Länge von 18 Kilometern sehr tief und bis zu 200 Meter breit ausgebaggert werden. Bei diesen Baggerarbeiten kann es zu gefährlichen Detonationen kommen, die eine große Gefahr für Arbeiter, Bevölkerung und Meerestiere wären. Experten, unter anderem der NABU, schätzen, dass auf dem Boden der Ostsee noch 300.000 Tonnen Weltkriegsmunition liegen.

Die britische Luftwaffe nutzte im Zweiten Weltkrieg ein Gemisch aus Phosphor und Kautschuk als Füllung für Brandbomben. Untersuchungen zufolge sind mehr als 4.000 dieser Brandbomben über der Ostsee abgeworfen worden. Nach Kriegsende entschieden die Besatzungsmächte zudem, rund 85 Prozent der in Deutschland gefundenen chemischen Kampfmittel im Meer zu versenken. Durch an Strände gespülte Phosphorreste kommt es an der Ostseeküste immer wieder zu Unfällen, weil Spaziergänger die Klumpen für Bernstein halten und sich beim Anfassen schwer verbrennen.

Detonierende Bomben sind für Menschen, aber auch für Meerestiere eine große Gefahr: Erst im vergangenen Jahr gingen aufgrund von Minensprengungen der deutschen Marine im Fehmarnbelt mindestens 18 Schweinswale zugrunde.

Bereich der geplanten Tunnelbaustelle nicht vollständig auf Weltkriegsmunition untersucht

Der Fehmarnbelt ist ein wichtiger Lebensraum der bedrohten Meerestiere. Die Bergung dieser Munition ist extrem kostspielig und soll laut Gesetz von den angrenzenden Bundesländern finanziert werden. „Wir wollen uns nicht vorstellen, was passiert, wenn beim Tunnelbau eine der mächtigen Baggerschaufeln auf eine Bombe stoßen würde oder wenn eine Brandbombe beschädigt und das Innere an unsere Strände gespült würde. Unserer Meinung nach handeln Planer und Politik hier leichtfertig und fahrlässig. Sie bagatellisieren nicht nur diese Gefahr für Umwelt, Menschen und Region, die vom Bau ausgeht“, so unsere Karin Neumann. 

Die zuständige Landesregierung in Kiel äußert sich zum Thema Munitionskartierungen ausweichend. So hat der schleswig-holsteinische Umweltminister Jan Philipp Albrecht im August im Umwelt- und Agrarausschuss auf Nachfrage bestätigt, dass man sich mit dem Thema zwar „sehr intensiv beschäftige“, man aktuell aber nicht sicher sagen könne, wo welche Munition im Ostseeboden liege. Es brauche entsprechende finanzielle Mittel und Personal, um die Munition auf dem Ostseegrund vollständig kartieren zu können. Auch Bernd Buchholz, Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, musste einräumen, dass man nicht sicher sagen könne, ob man während der Bauarbeiten auf Bomben stoßen würde.

Drohende Lebensgefahr darf nicht billigend in Kauf genommen werden

„Landesregierung und Tunnelbaukonzern haben ja schon zuvor die drohenden Schäden für Bevölkerung, Ostsee, Umwelt und Urlaubsregion heruntergespielt. Hier aber wird russisches Roulette gespielt. Und das ist ein Skandal! Wer wird die Verantwortung übernehmen, wenn eine der riesigen Baggerschaufeln auf eine bisher unentdeckte Bombe trifft oder wenn Kinder am Strand giftige Phosphorteile sammeln?“, kritisiert Karin Neumann scharf.

Obwohl das Bundesverwaltungsgericht noch nicht geurteilt hat, die Baugenehmigung also noch nicht rechtskräftig ist, viele Fragen ungeklärt und nach unserer Ansicht zu viele Planungsmängel offensichtlich sind, haben die Dänen bereits auf deutscher und dänischer Seite mit ersten Bauarbeiten begonnen.

„Die stümperhafte Planung des längsten Absenktunnels der Welt an sich ist bereits ein Skandal. Sein Bau wäre unter diesen Voraussetzungen ein noch viel größerer. Wir fordern die Politik auf, sich auf den Staatsvertrag zu berufen und das gesamte Vorhaben bei Verstand und objektiv auf den Prüfstand zu stellen“, so Florian Bumm, ebenfalls Sprecher von uns BELTRETTERn. In der Tat sieht Artikel 22 des Staatsvertrages zur festen Fehmarnbeltquerung vor: „Sollten die Voraussetzungen für das Projekt oder Teile des Projekts sich deutlich anders entwickeln als angenommen und anders, als es zum Zeitpunkt des Abschlusses des Vertrags bekannt ist, werden die Vertragsstaaten die Lage aufs Neue erörtern.“

Seit der Unterzeichnung ist aus der geplanten Brücke ein Absenktunnel geworden, mussten die Verkehrsprognosen immer weiter nach unten korrigiert werden und sind die Kosten schon vor dem Bau dramatisch explodiert. 

Detonationen: Gefahr für Menschen und selten gewordene Schweinswale

Der NABU, einer der Kläger vor dem Bundesverwaltungsgericht, das seit dem 22. September in Leipzig über die Klagen verhandelt, sorgt sich um die Schweinswale und Robben im Fehmarnbelt. „Der Fehmarnbelt ist eine der wichtigsten Kinderstuben der Schweinswale in der Ostsee. In dieser Region ist immer wieder mit Schweinswalmüttern und kleinen Kälbern zu rechnen, die nur langsam schwimmen und Sprengungen trotz möglicherweise eingesetzter Vergrämungslaute kaum rechtzeitig ausweichen können“, bestätigt Malte Siegert die Gefahr für die Tiere.

Dazu komme, dass die Tiere ein sehr empfindliches Gehör haben, auf das sie zur Orientierung und Nahrungssuche angewiesen sind. „Die Detonationen bewirken, dass auch viele Kilometer von der Sprengung entfernt das Hörorgan von Walen geschädigt wird. Auch Lungenrisse und Blutungen in Ohren und Gehirn werden durch die Schockwelle einer Unterwasserexplosion hervorgerufen“, so der Naturschutzexperte.