Bau des Ostsee-Tunnels würde Lebensraum seltener Schweinswale zerstören

Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage* vertritt jeder zweite Deutsche die Meinung, dass der Umweltschutz auch trotz Corona-Wirtschaftskrise nicht in Vergessenheit geraten sollte. Dennoch werden milliardenteure Großbauprojekte weiter geplant, obwohl sie empfindlichen Ökosystemen großen Schaden zufügen würden. So auch der längste Absenktunnel der Welt, der durch die Ostsee hindurch zwischen Fehmarn und Dänemark gebaut werden soll.

Für ihn müsste der Meeresboden auf einer Länge von 18 Kilometern bis zu 200 Meter breit und 16 Meter tief ausgehoben werden. Anschließend würden riesige Betontunnelelemente in diesen unfassbar großen Graben abgesenkt werden.

Wir BELTRETTER rufen zum Internationalen Tag des Schweinswals am 17. Mai erneut zu einer Neuprüfung des Großbauprojekts Fehmarnbelt-Tunnel auf. Es würde auf deutscher und dänischer Seite nicht nur insgesamt mindestens 16 Milliarden Euro verschlingen, sondern auch die bedrohten Schweinswale aus dem Fehmarnbelt vertreiben.

In einem exklusiven Hintergrundgespräch mit den BELTRETTERN erklärt der Meeresschutzexperte Fabian Ritter von Whale and Dolphin Conservation (WDC), warum das ökologische Gleichgewicht der Ostsee durch die mindestens acht Jahre andauernden Bauarbeiten weiter aus den Fugen geraten würde.

„Sie sind die kleinsten Wale der Welt: Flink, intelligent und wichtig für das ökologische Gleichgewicht der Meere, stellen sie einen der größten Naturschätze vor unseren Küsten dar. Doch die Schweinswale sind in der zentralen Ostsee akut vom Aussterben bedroht“, sagt Fabian Ritter, Meeresschutzexperte bei Whale and Dolphin Conservation (WDC), einer ursprünglich in Großbritannien gegründeten Organisation, die sich inzwischen weltweit für den Schutz von Walen und Delfinen einsetzt.

Der Bau des geplanten 18 Kilometer langen Ostsee-Tunnels wäre eine enorme Bedrohung für die besonders lärmempfindlichen Tiere, da sie sehr wahrscheinlich aus ihrem natürlichen Lebensraum vertrieben würden. Dabei haben sie eine große Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht der Ostsee.

„Schweinswale sind Topprädatoren und nehmen eine ähnliche Stellung im Ökosystem ein wie der Wolf an Land. Da sie viel und regelmäßig Beute machen, regulieren sie Fischbestände von oben herab. Wenn die Schweinswale fehlen, vermehren sich ihre Beutefische, und damit erhöht sich wiederum der Druck auf deren Beuteorganismen. So kann es zu Dominoeffekten kommen, die die gesamte Nahrungskette durcheinanderbringen“, so der Experte.

Bau des Ostsee-Tunnels würde Schweinswale enorm stressen und vertreiben

Gerade der Lärm, der durch den Bau des geplanten Ostsee-Tunnels erzeugt würde, sei ausgesprochen gefährlich für diese besonders schützenswerten Tiere, unterstreicht Ritter. Es würden erhebliche Störungen entstehen, die zur Verletzung des Gehörsystems oder gar zum Tod führen können. Schweinswale sind essenziell auf ihr empfindliches Gehör angewiesen. Wenn sie durch lauten Schall gestört werden, reagieren sie mit Flucht.

„Täten sie das nicht, würde ihr Gehörsinn leiden. Ihre Kommunikation und ihre Effektivität als Räuber werden durch Unterwasserlärm eingeschränkt. Der Lärm macht die Nahrungssuche schwieriger, weil er die eigenen Echolokationslaute und das Echo der Beute überlagern kann“, erklärt der WDC-Experte.

„Wir können nicht davon ausgehen, dass die gestörten Schweinswale einfach wegschwimmen und sich woanders ein neues Zuhause suchen würden. Der Fehmarnbelt ist ein für diese Tiere enorm wichtiger Lebensraum, der nicht ohne Weiteres ersetzbar ist. Die Baustelle würde ja direkt durch ein ausgewiesenes europäisches Schutzgebiet verlaufen. Es ist alarmierend, dass die Umweltgesetzgebung hier einfach außer Kraft gesetzt wird.“

Chronischer Dauerlärm über mindestens acht Jahre

„Wenn gebaut wird – was verhindert werden sollte – müssen bei den Arbeiten zwingend die am wenigsten Lautstärke verursachenden Baumethoden zum Einsatz kommen, um die empfindlichen Tiere zu schützen,“ rät Fabian Ritter. Dort, wo lauter Schall entsteht, kann man mit Dämmungsmaßnahmen seine Verbreitung und die Spitzenschallpegel verringern. Dabei dürfen die gesetzlichen Grenzwerte nicht überschritten werden, die zum Schutz des Schweinswals eingeführt wurden. „Beim Ostsee-Tunnel würde es aber, gemessen an der Dimension der Baustelle, über einen langen Zeitraum zu chronischem Dauerlärm kommen, und genau das könnte ein großes Problem für die Tiere werden“, macht der Schweinswalexperte deutlich.

Schweinswale sind per Gesetz besonders geschützt

Der Schweinswal ist gemäß der deutschen und europäischen Naturschutzgesetzgebung streng geschützt und darf weder gestört noch verletzt oder gar getötet werden. Auch das europäische Abkommen zum Schutz der Kleinwale ASCOBANS sowie die internationalen Abkommen HELCOM und OSPAR verpflichten die Staaten konkret dazu, den Schweinswal und seinen Lebensraum zu erhalten.

„Doch die Tunnelbauer setzen sich über diese Gesetze hinweg und drücken den Bau eines gigantischen 18 Kilometer langen Absenktunnels durch, für den ein bis zu 200 Meter breiter und 16 Meter tiefer Graben mitten durch den Lebensraum der Ostsee-Schweinswale ausgebaggert werden würde“, empört sich Karin Neumann, Sprecherin der BELTRETTER.

Gegen dieses Bauprojekt liegen bereits zehn Klagen beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig vor. Ein Hauptklagepunkt ist die Bedrohung eines der größten europäischen Naturschutzgebiete in der Ostsee – der Heimat der bedrohten Schweinswale.

___

* Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage der YouGov Deutschland GmbH, an der 2052 Personen zwischen dem 24. und 27.04.2020 teilnahmen. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.

Über WDC:

WDC, Whale and Dolphin Conservation, ist die weltweit führende gemein­nützige Organi­sation, die sich ausschließlich dem Schutz von Walen und Delfinen widmet. Gegründet 1987 in Großbritannien, sind wir seit 1999 mit einem Büro in Deutschland vertreten. Weitere Büros befinden sich in Argentinien, den USA und in Australien. Im Rahmen von Kampagnen, politischer Überzeugungsarbeit, Bildung, Beratung, Forschung, Rettungs- und Schutzprojekten verteidigen wir Wale und Delfine gegen die zahlreichen Gefahren, denen sie heute ausgesetzt sind. WDC-WissenschaftlerInnen arbeiten in nationalen, europäischen und internationalen Arbeitsgruppen, sind in allen relevanten internationalen Foren vertreten und nehmen Einfluss auf maßgebliche Entscheidungen zur Zukunft von Walen und Delfinen. Wir sind AnsprechpartnerInnen für EntscheidungsträgerInnen, Medien und Öffentlichkeit. WDC ist eine als gemeinnützig anerkannte Körperschaft. Wir arbeiten politisch unabhängig und finanzieren uns über Spenden und Stiftungsmittel.