Aktuelle YouGov-Umfrage in Dänemark: Auch die meisten Dänen sind für eine Neuplanung des Ostsee-Tunnels

62 Prozent** der Dänen sind gegen den Bau oder für eine Alternative zum Absenktunnel, der zwischen Dänemark und der deutschen Ostseeinsel Fehmarn entstehen soll. Das ergab eine aktuelle repräsentative YouGov-Umfrage*, bei der 1.033 Dänen befragt wurden.

Dabei gaben 77 Prozent an, dass sie bis dato nicht wussten, dass für den geplanten Ostsee-Tunnel der empfindliche Meeresboden auf 18 Kilometer Länge bis zu 200 Meter breit und 16 Meter tief ausgehoben werden müsste. Auch war der Mehrheit nicht bekannt, dass die Finanzierung des geplanten Großbauprojektes inzwischen wackelt. Denn laut neuestem Staatsbeihilfebeschluss der Europäischen Kommission kann Dänemark statt 55 Jahre nun nur noch 16 Jahre auf die geplanten Staatsbeihilfen zugreifen. Diese bleiben so auf 9,3 Milliarden Euro gedeckelt. Eine Finanzierung der Betriebskosten nach Fertigstellung des Tunnels ist damit ausgeschlossen.

Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass sich die BELTRETTER, eine deutsche Sammelbewegung gegen den geplanten Ostsee-Tunnel, in einem offenen Brief an die deutsche Politik gewandt haben. Darin riefen sie zu einem Moratorium auf sowie zu einer grundsätzlich objektiven Neuprüfung des Großbauprojektes Ostsee-Tunnel. Auch wandten sich die BELTRETTER mit einer Protest-E-Mail an die dänische Botschaft. Bisher gab es jedoch keinerlei Reaktion vonseiten der Politik.

Deshalb befragte das international tätige Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag der BELTRETTER in einer repräsentativen Umfrage jetzt ganz konkret die dänische Bevölkerung zu ihrem Wissen und ihrer Meinung über das geplante Großbauprojekt. Mit interessantem Ergebnis: Denn auch die meisten Dänen halten eine Neuplanung des Projekts für angemessen.

Gut drei Viertel der Dänen wussten nicht: Meeresboden müsste 18 Kilometer aufgegraben werden

Nicht überraschend ist dabei das Ergebnis, dass laut Umfrage 82 Prozent der Dänen bereits vom Bau des Ostsee-Tunnels gehört hatten. Was jedoch die Mehrheit – 77 Prozent – nicht wusste: Der Ostsee-Tunnel ist als gigantischer Absenktunnel geplant, für den der Ostseeboden auf 18 Kilometern bis zu 200 Meter breit und 16 Meter tief aufgegraben werden müsste. Dieses Vorgehen würde dem Ökosystem Ostsee enormen Schaden zufügen. Schweinswale würden dadurch vertrieben und seltene Riffe zerstört werden.

„Auch das überrascht uns nicht, denn die Tunnelbauer investieren seit Jahren viel Geld, um bei der dänischen Bevölkerung die Vision eines umweltfreundlichen, sauberen Ostsee-Tunnels zu schaffen und ihre Zustimmung zu erhalten. Dabei informieren sie schlichtweg falsch. Wie kann man sich sonst erklären, dass nur wenige Dänen wissen, dass mit dem Ostsee-Tunnel ein gigantischer Absenktunnel mitten durch ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet geplant ist? Ebenso verhält es sich bei der Transparenz der Kosten, die immer mehr außer Kontrolle geraten“, empört sich Karin Neumann, eine Sprecherin der BELTRETTER.

Finanzierung des Ostsee-Tunnels wackelt und dänische Bevölkerung ist ahnungslos

Der geplante Ostsee-Tunnel gilt als wichtiges europäisches Infrastrukturprojekt, das eine schnellere Verbindung zwischen Dänemark und dem europäischen Festland bieten soll. „Wie bei vielen Großbauprojekten, man denke an Stuttgart 21 oder den Berliner Flughafen, schießen jedoch auch hierbei die Kosten des Projektes schon vor Baubeginn von Jahr zu Jahr in die Höhe und liegen inzwischen auf deutscher und dänischer Seite zusammengenommen bei rund 16 Milliarden Euro“, bestätigt Florian Bumm, ebenfalls BELTRETTER-Sprecher.

Auf deutscher Seite verursacht die Hinterlandanbindung des Tunnels Kosten in Milliardenhöhe. „Das Finanzierungsmodell auf dänischer Seite ist allerdings wackelig. Die prognostizierten Mauteinnahmen dürften nicht zu erzielen sein. Außerdem sind die EU-Gelder gerade begrenzt worden“, so die Einschätzung von Bumm.

85 Prozent der befragten Dänen wussten allerdings offenbar noch gar nichts von den veränderten Finanzierungsbedingungen. Daher finden auch 55 Prozent der Befragten, dass das Projekt Ostsee-Tunnel und seine Finanzierung vor dem Hintergrund der veränderten Bedingungen neu geplant werden sollten.

Endlich Artikel 22 des Staatsvertrages zwischen Dänemark und Deutschland anwenden!

„Dieses Ergebnis bestätigt einmal mehr, dass der Ostsee-Tunnel dringend einer Neuprüfung bedarf. Und das, bevor auf dänischer Seite mit den Bauarbeiten begonnen wird, die bereits für Januar 2021 angekündigt wurden. Die Tunnelbauer setzen sich einfach über demokratische Meinungen und Forderungen hinweg und ignorieren vollkommen, dass sich die Bedingungen verändert haben. Das Großbauprojekt muss jetzt dringend geprüft und neu aufgesetzt werden, so wie es übrigens auch in Artikel 22 Absatz 2 im Staatsvertrag 2008 vorgesehen war. Ein milliardenteurer Absenktunnel passt längst nicht mehr in die Zeit“, betont Karin Neumann.

Zum Hintergrund der aktuellen BELTRETTER-Proteste: Vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig sind aktuell noch zehn Klagen gegen den Ostsee-Tunnel anhängig. Dennoch hat das dänische Verkehrsministerium vor wenigen Wochen verkündet, im Januar 2021 mit den Bauarbeiten auf dänischer Seite zu beginnen.

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* Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage der YouGov Deutschland GmbH, an der 1.033 Dänen zwischen dem 07. und 11.05.2020 teilnahmen. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die dänische Bevölkerung ab 18 Jahren.

** 30 Prozent sind dagegen, 32 Prozent sagen, es sollte eine Alternative zum Absenktunnel gefunden werden.