Irreparable Schäden drohen

Die Ostsee ist bereits heute in alarmierendem Zustand. Übergroßer Nährstoffeintrag durch landwirtschaftliche Düngung. Zu intensive Nutzung durch Schifffahrt und Windkraftanlagen. Überfischung und Nordstream II. Und jetzt noch der drohende 18 Kilometer lange Ostsee-Tunnel! Auf der Tagung der AG Belt Hamburg – Partner der BELTRETTER – haben Experten die massiven Konsequenzen des drohenden Ostsee-Tunnels dargelegt. Fakten, die Anlass zu großer Sorge sind.

Dagmar Struß, stellvertretende Landesvorsitzende des NaBu Sschleswig-Holstein und Leiterin Schweinswal- und Meeresschutz, hat acht bereits für unsere Ostsee bestehende Belastungen beschrieben. Von Sauerstoffarmut und sogenannten Todeszonen über Industrie- und Verkehrslärm bis zu Verschmutzung durch Plastik und Schadstoffeinträge. Die gesetzlich verankerte Wasserrahmenrichtlinie enthält ein deutliches Verschlechterungsverbot. Bis 2020 soll die Ostsee eigentlich in einen guten Erhaltungszustand versetzt sein.

In diesen Tenor stimmte der Berufsfischer Gunnar Gerth-Hansen aus Fehmarn ein. Er wies auf die Sedimentation von Schlick hin. Bei den aktuellen Strömungsverhältnissen würde ein Wegradius von 25 km zu erwarten sein. Dadurch würde durch den Bau des Absenktunnels eine Fläche von weit über 700 Hektar verschmutzt werden. Gleichzeitig würde durch den Bau des Tunnels der wichtigste Zustrom von Salzwasser aus der Nordsee massiv verringert.

Gunnar Gerth-Hansen: „Die Tunneel-Planer betonen immer, die Wassersäule würde nur um 1,20 Meter reduziert. Die Tiefe im Belt beträgt allerdings nur maximal 18 Meter. Zudem wird der Aushub für drei Kilometer Landgewinnung auf Lolland verwendet.“

Im Planstellungsbeschluss sei von einer leichten Bodendelle die Rede. Das sei maximale Schönfärberei – und werde dem tatsächlichen Ausmaß nicht annähernd gerecht.

Drohen mehr Havarien im Belt?

Auch Fährkapitän Johannes Wasmuth sieht große Gefahren. Seine Analyse bezieht sich auf das Gegeneinander der Schiffsverkehre während der Bauzeit.

„In den vergangenen 44 Jahren gab es nur eine einzige Havarie im Fehmarn Belt mit Todesfolge“, so der Kapitän. Und das, obwohl der von West nach Ost verlaufene Kiel-Ostsee-Weg eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt ist. Zwischen dem horizontal verlaufendem Frachtverkehr und dem vertikal von Süd nach Nord passierendem Fährverkehr habe sich seit Bestehen der Vogelfluglinie eine Kultur des defensiven Miteinanders entwickelt. Die Vermutung von Wasmuth für die Phase des Tunnelbaus: „Das wird sich dann zwangsläufig ändern!“

Die Fahrtrichtungen und Bewegungsmuster des Baustellenverkehrs über und unter Wasser seien für den regulären Schiffsverkehr nicht kalkulierbar. Stellt man sich zu den bestehenden Belastungen, zu der Zerstörung des Meeresbodens durch die immensen Baggerarbeiten jetzt auch noch eine Havarie mit einem Öltanker im Belt vor, dann kann man die Ostsee auch gleich ganz zuschütten.

Negative Entwicklungen beschleunigen sich

Kerstin Fischer von der Bürgerinitiative Ratekau wehrt sich, umriss in klaren Fakten den Zusammenhang zwischen dem weltweiten Klimawandel und den Zuständen der Ozeane: „Das Meer speichert CO2. Es funktioniert wie die Wälder an Land. Je mehr CO2  allerdings gespeichert wird, desto mehr kalkbinde Lebewesen sterben ab. Und aus der umgekehrten Perspektive: Je wärmer die Ozeane werden, desto weniger CO2 können sie speichern.“

Auf Deutsch: Ein Teufelskreis! Und mit Blick auf die Ostsee: „Beträgt die Erwärmung der Ozeane weltweit derzeit 0,5 Grad, beträgt sie in der Ostsee 1,5 Grad. Die Todeszonen haben sich in den Weltmeeren in den letzten Jahrzehnten vervierfacht. In der Ostsee verzehnfacht. Durch den Klimawandel wird ein jährlicher Anstieg der Meeresspiegel um 3,2 mm erwartet. Der Spiegel der Ostsee wird zeitgleich um 5,4 mm steigen.“ – Ihr Fazit: Hier geht die negative Entwicklung doppelt so schnell voran.

Zu viele parallele Verfahren, zu viele Planungsmängel

Auch der letzte Vortrag des Tages drehte sich um negative Entwicklungen. Regional- und Projektmanager Jürgen Zuch beschrieb seine Aufgabe für die Insel Fehmarn so: „Die Interessen und die Betroffenheit Fehmarns und Großenbrodes in die Verfahren einzubringen und die Folgen abzumildern und ortsverträglich zu machen.“

Kein leichter Job. Denn auch er sieht, dass während der Bauphase massive Belastungen auf die Insel, die ansässige Wirtschaft, den Tourismus und vor allem die Bevölkerung zukommen. Eigentlich seien es vier oder sogar fünf Verfahren, die gleichzeitig passierten: Grundsanierung der Sundbrücke, der Bau der Beltquerung, der Bau einer zusätzlichen Sundquerung, der vierspurige Ausbau der B 207 und der Ausbau der Schienenanbindung für Güterverkehre. „Ich befürchte ein Verkehrschaos für lange Zeit, von dem nicht nur Fehmarn und Großenbrode betroffen sein werden“.

Gleichzeitig kritisiert er eklatante Planungsmängel: „Die Prognosen des Weltklimarats sind seit Oktober 2018 bekannt: Anstieg des Meeresspiegels bis Ende des Jahrhunderts um ca. einen Meter.“

Das Land Schleswig-Holstein gehe sogar von 1,10 m aus. Das Konsortium Deutsche Meeresforschung habe das bestätigt. Eine Nichtbeachtung der Prognosen werde als eklatanter Planungsmangel betrachtet. Und weiter: Die Bundesbehörden BSH, DWD, BAW, BfG hätten in einer Veröffentlichung von Juni 2019 erklärt, der zukünftige Meeresspiegelanstieg solle insbesondere bei Infrastrukturprojekten, die Jahrzehnte im Voraus konzipiert werden, beachtet werden. Das habe Femern AS nicht getan. Sein

Fazit: „Da stimmt doch was nicht an den Planungen der größten Infrastrukturmaßnahme Nordeuropas!“