Drohender Ostsee-Tunnel würde bedrohten Fischarten zusetzen

Der drohende Bau des Ostsee-Tunnels zwischen Dänemark und Deutschland – es wäre der längste Absenktunnel der Welt – hätte enorme Auswirkungen auf Ostsee und Umwelt. So könnten die Bauarbeiten unter anderem die Laichgebiete beliebter Ostseefische schädigen. Dies bestätigte jetzt auch das Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock.

Für den Graben durch den Fehmarnbelt, in den die riesigen Betonelemente des Absenktunnels abgesenkt würden, würde der Ostseegrund auf einer Länge von 18 Kilometern bis zu 200 Meter breit und 16 Meter tief aufgerissen werden. Würde das riskante Mega-Projekt tatsächlich realisiert werden, entstünde die größte Baustelle Nordeuropas – mitten in der Ostsee. Die Natur würde ebenso geschädigt werden wie der Tourismus und die ruhigen Heimatorte sowie Existenzen vieler Menschen.

Sediments-Aufwirbelungen bedrohen Laichgebiete

Durch die Baggerarbeiten würden über Jahre im großen Stil Sedimente aufgewirbelt und sich über die Strömung in der Ostsee verteilen – auch Laichgebiete von Ostseefischen wären bedroht. „In einer Zeit, in der durch den Klimawandel die Nachwuchsproduktion des Heringsbestandes ohnehin stark reduziert ist, sollten solche zusätzlichen Störungen vermieden werden“, empfiehlt Dr. Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut.

Wir BELTRETTER, die Bewegung gegen den drohenden Ostsee-Tunnel, warnen seit Jahren davor, dass der Tunnelbau der Umwelt, der Ostsee und der gesamten Region massiv schaden würde. Die Bauarbeiten im Fehmarnbelt würden auch eine große Bedeutung für die Laichgebiete von Heringen und Dorschen haben. Der Hering der westlichen Ostsee laicht im Frühjahr in den flachen Küstengewässern.

Solche Gebiete gibt es auch in der Nähe des geplanten Tunnels südlich der Insel Lolland. Sollte es in unmittelbarer Nähe der Heringslaichgebiete und zur Laichzeit zu Bauarbeiten kommen, kann durch die starke Trübung und Sedimentation des Wassers das Wachstum der Wasserpflanzen, auf denen der Hering die Eier ablegt, beeinträchtigt werden. Zudem kann sich der Laich nicht richtig entwickeln und absterben.

Eine Umweltverträglichkeitsstudie bestätigt außerdem, dass insbesondere die tiefen Bereiche des Fehmarnbelts eine hohe Bedeutung als Laichgebiet für den beliebten Ostseefisch Dorsch haben. Auch dieses würde durch die Bauarbeiten des größten Absenktunnels der Welt beeinträchtigt werden. Das könnte sich auf die Dorschpopulation im Fehmarnbelt negativ auswirken. Die massiven Auswirkungen des drohenden Tunnelbaus auf Natur und Umwelt sind einer der Gründe, weshalb derzeit zehn Klagen gegen den Bau beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig vorliegen.

Fischer fürchten um ihre Existenz

Gunnar Gerth-Hansen, Fischwirtschaftsmeister auf der Ostseeinsel Fehmarn und seit 40 Jahren in der Fischerei tätig, befürchtet, dass der Tunnelbau seine und die Existenzen vieler anderer Fischer bedrohen könnte. Denn die Fischpopulation würde durch den Bau stark beeinträchtigt werden, das bestätigt auch eine Umweltverträglichkeitsstudie.

„Bis zur Wiederherstellung des Gleichgewichts werden inklusive der Bauzeit voraussichtlich Dekaden vergehen. Ohne Ausgleichszahlungen ist selbst eine wesentlich kürzere Zeit nicht zu kompensieren“, so Gerth-Hansen. „Der Tunnelbau würde einen schweren Eingriff in die natürlichen Lebenszyklen von Fischbeständen bedeuten. Dadurch könnten ganze Fischjahrgänge im Fehmarnbelt ausbleiben, was uns Fischern hohe Einkommensverluste bringen würde. Die Schäden an der marinen Umwelt werden von der Umweltverträglichkeitsstudie allein auf der deutschen Seite auf mindestens 30 Millionen Euro beziffert.“

Karin Neumann, BELTRETTER-Pressesprecherin bezweifelt sogar, dass es bei der prognostizierten Schadenssumme bleibt: „Wir glauben, dass der Schaden viel höher sein wird. Zudem stellt sich heute generell die Frage, ob sich Schäden an Umwelt und Natur überhaupt in Euro bemessen lassen.“